Kein Tag ohne Schlagzeilen um Gianni Infantino und sein FIFA-Imperium. Die Fußballwelt wankt. Aber fällt sie auch?
Natürlich freue ich mich darüber, wie Gianni Infantino mächtig ins Wanken gerät. Kaum ein Tag, an dem nicht ein weiteres Geschoss den Noch-FIFA-Boss trifft. Und kaum ein Tag, an dem nicht ein einstmals Getreuer ihm die Gefolgschaft aufkündigt.
Auch darf mensch fast jedem Statement entnehmen: Es geht nicht mehr „nur“ um den Investoren-Plan. Es geht um weit mehr, weshalb es Infantino auch nicht gelingt, den Aufstand mit Hilfe einer Rücknahme des Plans zu befrieden. Es geht um die Führungsstruktur der FIFA, den Infantino-Monarchismus etc. – kurz: um die Zukunft des Verbands. Sofern dieser noch eine Zukunft hat.
Mensch wird das Gefühl nicht los, dass Infantino nicht zuletzt über seine Nähe zum Trump-Clan stolpert. Was Trump und Infantino gemeinsam haben, ist ihre Anti-Europa-Haltung – bei Infantino pseudo-antikolonialistisch grundiert. Fast jeder der Infantino-Pläne war gegen die UEFA bzw. die Europäer gerichtet: das 2021 gescheiterte Super-League-Projekt (als Konkurrenz zur UEFA Champions League), die Idee eines globalen Klubwettbewerbs etc. Pläne, bei denen die Uefa bei ihren eigenen Premium-Produkten Abstriche hätte machen müssen.
Der Investorenplan dokumentierte einmal mehr, dass die FIFA eine Autokratie / Monarchie ist, in der die Europäer nicht einmal mehr konsultiert werden. Was kommt als nächstes? Eine WM alle zwei Jahre in den USA?
Während des Turniers braute sich etwas zusammen: keine rote Karte für Messi und eine fragwürdige Schiri-Performance bei England gegen Argentinien. Beide Geschichten nährten den Verdacht einer Verschwörung zu Gunsten Argentiniens und zu Lasten Europas. Dazu die zurückgenommene rote Karte gegen einen US-Spieler nach Intervention von Trump.
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Und der Monarch? Fühlte sich so sicher und mächtig, dass er den Blick auf die Realität verlor. Als Sepp Blatter die FIFA führte, erzählte mensch sich in der Schweiz folgenden Witz: „Was ist der Unterschied zwischen Gott und Sepp Blatter? Gott glaubt nicht, dass er Sepp Blatter ist…“ Infantino hat dieses monarchistische Gehabe und den damit verbundenen Größenwahnsinn auf die Spitze getrieben. Wobei die Politik kräftig dazu beigetragen hat: Fußball als Soft Power. Fußball ist groß geworden – weniger ökonomisch (so groß ist das Business Fußball auch wieder nicht, es wirkt so riesig, weil es doch eigentlich um Sport gehen sollte) als politisch/kulturell. In diesem Prozess hat sich der Fußball allerlei Fähigkeiten angedichtet. Fähigkeiten, die er nicht oder nur eingeschränkt besitzt, mit Hilfe derer er sich aber über das Fußballfeld hinaus expandiert ist.
Er sieht sich und seine FIFA auch als globalen politischen Player. Auch dies hat eine Geschichte: João Havelange pries seine brasilianische Herkunft als natürliche Qualifikation für den Job des FIFA-Bosses. Seit seiner frühesten Jugend habe er mit den verschiedenen „Rassen“ zusammengelebt und deren Mentalität kennengelernt. Brasilien, die achtgrößte Industrienation der Welt, würde mit São Paulo, das sich von deutschen Städten kaum unterscheide, und dem Afrika ähnelnden Norden des Landes den Mittelpunkt und Mikrokosmos der Welt bilden. Mit seiner „Eine-Welt-Philosophie“ gelang es Havelange, ein Freund südamerikanischer Diktatoren und Faschisten, sich sowohl als Vertreter der „Ersten“ wie der „Dritten Welt“ zu gerieren. Dabei kam ihm entgegen (wie auch seinen Nachfolgern), dass die vom Kolonialismus befreiten Nationen, vor allem aber deren Fußballverbände, nicht selten von Personen regiert wurden, die problematisch gestrickt waren. Havelange behauptete, die FIFA könne Konflikte lösen, bei denen die Politik nicht vorankommt – so u.a. den Nahost-Konflikt.
Sein Nachfolger Sepp Blatter wurde nicht müde zu betonen, dass die FIFA mehr Mitglieder zähle als die UNO.
Und Infantino? Sah sich angekommen auf einer Augenhöhe mit den mächtigsten Autokraten auf dem Globus, den Tech-Oligarchen etc. Der FIFA-Friedenspreis für Trump: ein Angriff auf das Nobelpreiskomitee. Die FIFA mit Sitz in Trumps-Friedensrat: ein Angriff auf die UNO. Trumpismus durch und durch. Und mehr als nur Opportunismus. Wer instrumentalisierte da wen? Trump hatte sich sogar mit den großen hegemonialen Sportkulturen in den USA angelegt, mit NFL und NBA, wg. der antirassistischen Proteste von Spielern und Trainern. Die NFL, so Trump, solle sich umbenennen. Er habe gelernt: Soccer sei der wahre Football. Infantino sah sich am Ziel angekommen.
Aber für die Europäer war das alles zu viel. Sie wollten nicht länger ihrem Machtverlust tatenlos zu sehen. Und nicht nur für die Europäer war dies alles zu viel. Auch die Saudis beobachteten argwöhnisch die Kungelei mit dem Trump-Clan – bzw. mit konkurrierenden Investoren.
Ich habe den Verdacht, dass die Generalattacke gegen Infantino von langer Hand geplant war – was für die UEFA und auch den DFB sprechen würde. Letzterer war im Vorfeld der WM nicht gerade durch Haltung aufgefallen: kein kritisches Wort zu Infantino, der absurde FIFA-Friedenspreis wurde durchgewunken. Niemand nötigte den größten nationalen Sportverband der Welt zu diesem Kotau. Dass es auch anders ging, demonstrierte die norwegische Verbandspräsidentin Lise Klaveness, die die Legitimität des absurden Friedenspreises infrage stellte und Infantino einen Verstoß gegen die Regeln der politischen Neutralität vorwarf. Hierzulande wurden kritische Stimmen wie die von Oke Göttlich (Haltung!) vom DFB-Boss gemaßregelt.
Ein Kurswandel zeichnete sich aber bereits vor einigen Wochen ab: Bernd Neuendorf verweigerte seine Unterschrift unter die Unterstützungserklärung für eine Wiederwahl Infantino und befand sich diesbezüglich in der Minderheit. Wo es doch nach Katar 2022 immer geheißen hatte: Der DFB darf niemals wieder international so isoliert sein! Wir müssen aufhören zu „Moralisieren“ und „die Guten“ zu spielen. Der neue Mut wurde wohl dadurch genährt, dass man in der DFB-Zentrale wusste: Da passiert etwas! Und wir werden nicht allein sein!
Dass dann auch noch der Bruder von Trumps Schwiegersohn einer der Architekten und Profiteure des Investoren-Plans war, das war einfach zu viel Trump. Was würde als nächstes kommen? Eine WM alle zwei Jahre mit den USA als Austragungsland?
Nur ist der europäische Fußball möglicherweise etwas stärker und besser aufgestellt als die EU. Weshalb es auch wenig verwundert, wenn mensch liest, die Politik könne sich ein Beispiel an der UEFA nehmen, könne von deren Mut lernen. Zum Problem für Infantino könnte aber auch werden, dass die FIFA und Infantino für den Trump-Clan doch nicht so wichtig sind, wie der Monarch glaubte.
Allerdings sollten wir nicht vergessen, dass der europäische Spitzenfußball in einem nicht unerheblichen Maße am finanziellen Tropf der Golf-Region hängt. Als Kandidat für die Nachfolge von Infantino wird in Europa der Katari Nasser Ghanim Al-Khelafi gehandelt, Präsident von Paris Saint-Germain. Der Verein befindet sich im Besitz von Qatar Sports Investment (QSI). Ein waschechter Europäer hätte wohl wenig Chancen, denn bei aller geteilten Kritik an Infantino: Außerhalb Europas hat man wenig Bock auf die Rückkehr der „alten Kolonialherren“.
Zum Schluss noch ein kleiner Seitenhieb: Vor der WM in Katar mussten wir uns anhören: „Boykotte bringen nichts.“ Was immer schon Unsinn war. Dass die Fußball-Weltmeisterschaft heute eine Fußballweltmeisterschaft ist, haben wir maßgeblich dem Umstand zu verdanken, dass die Afrikaner das Turnier 1966 boykottierten (dazu ausführlich in der aktuellen Zeitspiel-Ausgabe #43). Und jetzt? Die Europäer drohen mit Boykott, und schon muss Infantino seinen Investoren-Plan zurückziehen, wackelt sein Thron. Hätte mensch schon eher haben können.
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