
Ein Jubiläum wie das des WM-Finales von 1966 bietet die Möglichkeit zu einer Rückschau: zum einen um die Vergangenheit festzuhalten, in einem anderen Licht als die Vergangenheit in ihrer damaligen Gegenwart war und um den Stellenwert und die Bedeutung eben jener Vergangenheit heute einzuordnen. Natürlich ist so ein Rückblick einfach und man könnte der Versuchung verfallen, zu sagen, dass es früher besser war. Das ist allerdings Unsinn. Wenn überhaupt, war früher alles anders. Und das ist gut so. Im Folgenden geht es um ein Fußballspiel im Jahre 1966, dessen Echo lange nachhallte und erst im 21. Jahrhundert so richtig zur “Ruhe gekommen” ist. In besagtem Spiel standen sich die Nationalmannschaften Englands und der BRD gegenüber, es war das Finale der WM 1966. Es geht in diesem Text um eine Presseschau aus den Jahren 1966 und 1996 und endet mit einer kurzen Reflektion über dieses Finale und die Nachwirkungen.
“The past is never dead, it’s not even past”
Dieses Zitat von William Faulkner trifft auf das WM-Finale 1966 sehr gut zu. Denn, wie sich zeigen wird, war das Spiel auch 1996 noch nicht vorbei. Man könnte sogar behaupten, es war erst 2010 aus. Aber der Reihe nach.
Die WM 1966 fand im Mutterland des modernen Fußballs, England, statt. Als Gastgeber war England natürlich einer der Favoriten auf den Titel, nebst Brasilien, die 1962 ihren zweiten WM-Titel gewinnen konnten. Unter den Teilnehmern waren mit Uruguay, Italien und Westdeutschland drei weitere ehemalige Weltmeister bei der WM 1966 dabei.
Der Ton in der englischen Presse gegenüber der DFB-Auswahl war rau. Ihnen wurde vorgehalten, sie seien Schauspieler, deren einziges Ziel es gewesen sei, gegnerische Spieler zu provozieren und so die Gegner durch gelbe Karten und Platzverweise zu schwächen. Insgesamt wurden in den fünf Spielen bis zum Finale vier Spieler des Feldes verwiesen. Man stand den Deutschen mit einem gesunden Misstrauen gegenüber. Nach zwei Kriegen innerhalb von 30 Jahren war das auch wenig verwunderlich. Zum Beispiel wurde den Spielern von Helmut Schön Schauspielerei unterstellt. In den Gruppenspielen sowie den sich anschließenden Spielen wurden insgesamt vier Spieler der jeweiligen Gegner vom Platz gestellt. Die unausgesprochene Anschuldigung lautete, dass die deutschen Spieler ihre Gegner provozieren, umso eine numerische Überlegenheit zu bekommen und so zu leichteren Siegen zu kommen. Insbesondere die Boulevardpresse glänzte hier; der Daily Express und beschied einigen Spielern eine “oskarreife Vorstellung”. Solche Auswüchse waren allerdings nicht auf die Regenbogenblätter beschränkt, sondern auch in angesehenen Blättern wie The Observer fanden sich solche oder ähnliche Bemerkungen. Hugh Ilvanney beispielsweise rieb sich an Helmut Haller, der im Spiel gegen Uruguay nur wenige Minuten nach einem Foulspiel gegen ihn wieder wie ein Reh über den Platz sprang und sogar ein Tor erzielte.
Solch eine Provokation rief natürlich den Chef persönlich auf den Plan und Helmut Schön reagierte mit Bestürzung auf diese Anschuldigungen. Ihm lag sehr viel daran, dass seine Spieler in England einen guten Eindruck machten und solche Unterstellungen trafen ihn sehr hart. Seine Reaktion war freundlich aber deutlich:
“Wir haben diese Anschuldigungen nicht verdient und ich hoffe, sie sind bald vergessen oder das Finale ist vergiftet, bevor überhaupt ein Ball gespielt wurde.”
Wie jedoch würden die deutschen Blätter über die WM und insbesondere über England berichten. Sachlichkeit war hier oberstes Gebot aber es wurde auch der ganz große Bogen gespannt, denn das Ergebnis des Finales und überhaupt des Ausgangs dieses Turniers. Ein deutscher Journalist wagte zu behaupten, dass im Falle einer Niederlage Englands der Wert des englischen Fußballs tiefer fallen würde, als der des Pfund Sterling. Ironischerweise kam es 1967 tatsächlich zur Abwertung des Pfunds. Ein anderer Journalist meinte, dass etwa 400 Millionen Fernsehzuschauer erwartet würden. Daraufhin fügte er ironisch hinzu, dass, sollte England verlieren, es ein noch größeres Staatsbegräbnis geben würde als im Vorjahr. Er spielte damit auf die Beisetzung Winston Churchills 1965 an, die 350 Millionen Zuschauer an den Bildschirmen verfolgten.
Die westdeutschen Journalisten blieben also üb meist sachlich, wenn es um’s Sportliche ging und vermieden es, mit erhobenem Zeigefinger zu argumentieren. Stattdessen erlaubten sie ihren Lesern, sich eine eigene Meinung zu bilden. Während englische Journalisten sich verständlicherweise auf den Sieg konzentrierten, lag das Hauptaugenmerk ihrer deutschen Kollegen auf dem dritten Tor, auch Wembley-Tor genannt. Der Tenor war eindeutig: das Ball war nicht drin. In seiner Fernseh-Reportage fasste Rudi Michel das Geschehen in einem sehr wahren Satz zusammen, in dem er sagte: “Das wird wieder Diskussionen geben.” Wie Recht er doch behalten sollte.
Der fatale Sieg: 1966 und die Folgen
Auf Erfolge und Triumphe folgt oft ein Niedergang. So auch für England. Was allerdings folgte, war eine veritable Krise, insbesondere während der 1970er Jahre, in denen sich England nicht für die WM qualifizierte und mehr mit inneren Querelen zu kämpfen hatte, statt mit Fußball zu glänzen.
Wieder und wieder wurde in der Folgezeit 1966 bemüht und als Blaupause genutzt. Der Druck auf jede nachfolgende englische Mannschaft war somit enorm und viele englische Mannschaften scheiterten daran. Wohl am eindrucksvollsten geschah dies schon 1970 im Viertelfinale gegen den Endspielgegner von 1966: Westdeutschland. Mit einer sicheren 2-0 Führung im Rücken wechselte Sir Alf Ramsey fatalerweise Bobby Charlton aus. Der Rest ist bekannt: Beckenbauer und Seeler trafen in der regulären Spielzeit und Müller machte in der 108. Minute das dritte Tor.
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1996: Achtung Fritz!
Im Jahre 1995 ging eine Nachricht unter, dabei barg sie Sprengkraft: zwei Wissenschaftler aus Oxford hatten mittels Berechnungen am PC herausgefunden, dass der Ball beim Wembley-Tor nicht die Linie überquert hatte. Während diese Meldung es sogar in die Tagesthemen schaffte, wurde dieser Tatsache in England keinerlei Bedeutung beigemessen.
Es gab in den Jahrzehnten zwischen 1966 und 1996 natürlich Länderspiele zwischen beiden Mannschaften, bei der WM 1990 gab es ein sehr gutes Halbfinalspiel. Allerdings, zum 30. Jubiläum des WM-Finales von 1966 richtete England erneut ein Turnier aus, die EM 1996. Kaum eine Zeitung, die 1966 nicht erwähnt hätte. Das zum Einen. Zum Anderen waren viele Berichte in der Presse von einem sehr aggressiven Unterton geprägt. Hierbei wurden nicht nur traditionell die Deutschen auf’s Korn genommen, sondern nahezu jeder Gegner Englands wurde mit Stereotypen assoziiert. Diese waren rassistisch geprägt. So wurden die Spanier als Dagos bezeichnet, ein abwertender Begriff für Leute aus Spanien, Italien, Portugal oder Südamerika.
Schlimmer traf es nur die Deutschen, denn denen wurde doch glatt der Fußballkrieg erklärt und zwar von keinem geringeren als Piers Morgan, dem damaligen Chefredakteur des Daily Mirror. Er bediente sich in seiner Kolumne dabei historischer Anleihen von Neville Chamberlains Kriegserklärung 1939. Es war ein Klima des puren Jingoismus, der die Schlagzeilen beherrschte. Roland Zorn in der F.A.Z. hatte dafür nur eine Antwort: “Haut sie weg!” Das Ergebnis ist bekannt: nach einem spannenden Spiel stand es nach 120 Minuten 1-1 und das Elfmeterschießen musste die Entscheidung bringen. Gareth Southgate wurde zum tragischen Helden als sein Schuss von Andy Köpke gehalten wurde.
Für die Gewalt, die sich nach dem Spiel entlud, wollte keiner verantwortlich sein; Piers Morgan und seine Zeitung hatten zwar eine Rüge durch Presserat erhalten und die Öffentlichkeit nahm ihm die lauwarme Entschuldigung nach den Entgleisungen seiner Zeitung nicht ab.
2010: Bloemfontein
Nach einigen durchaus denkwürdigen Spielen um die Jahrtausendwende, gab es 2010 DEN Moment für eine DFB-Elf gegen England. Es ist ohne Zweifel eine Ironie der Geschichte: Frank Lampard erzielt ein Tor, aber es zählt nicht. Der Ball knallte an die Unterseite der Latte und flog von dort ins Tor. Manuel Neuer war machtlos; er reagierte aber schnell, nahm den Ball und machte einen weiten Abwurf ins Feld. Alle Erklärungsversuchen zum Trotz blieb der Schiedsrichter bei seiner Linie: das Tor zählte nicht. Heute undenkbar, damals Realität. Hätte, wenn und aber – alles Spekulation angesichts der Rahmenbedingungen. Aus deutscher Sicht ist damit die Geschichte vom Wembley-Tor auserzählt. Auch die durchaus einst angespannte Situation zwischen England und Deutschland auf dem Spielfeld hat sich seit 2018 grundlegend geändert.
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